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Sexualität: "Der Penis ist eben nicht die größte Erfindung aller Zeiten"

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Ungelesen 03.10.18, 21:37   #1
pauli8
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Standard Sexualität: "Der Penis ist eben nicht die größte Erfindung aller Zeiten"

Zitat:


Sexualität
"Der Penis ist eben nicht die größte Erfindung aller Zeiten"


Im Internet stehen Pornos und Spielzeuge immer parat. Doch was macht Sex auf Knopfdruck mit uns? Die Paartherapeutin Heike Melzer sagt: Er verändert unsere Art zu lieben. Interview: Carmen Böker

3. OKTOBER 2018, 19:33 UHR

Das Internet hat unser Leben bereichert, doch es fördert auch Verhaltenssüchte, sagt die Psychotherapeutin Heike Melzer. Das gilt nicht nur beim Shopping, sondern zunehmend auch für unser Sexualleben.

ZEITmagazin ONLINE: Sie sprechen mit Blick auf unsere Gegenwart von einer neuen sexuellen Revolution. Und meinen damit den Internetsex auf Knopfdruck – oder den Sex ohne Partner, wann immer man will. Kann das nicht auch sehr befreiend sein?

Heike Melzer: Die Triebe entkoppelt von der Partnerschaft – das ist zunächst einmal eine Freiheit. Wenn der Partner nicht will, hat man andere, vielleicht sogar aufregendere Möglichkeiten. Die Liebe aber leidet darunter, denn die Bindung an einen Partner fehlt. Ein Porno, ein Akt mit einem Sextoy, das ist doch wie ein Hatschi, ohne Bedeutung. Wenn ich jedoch jemanden date und er zieht beim ersten Treffen den kleinen Finger nicht weg, der meinen berührt, das ist doch gigantisch! Dass man sich vorstellt, was da alles noch kommen mag, das gibt dem Ganzen echte Intimität.

ZEITmagazin ONLINE: Wie sehr hat die Pornoindustrie unsere Vorstellungen von Sex verändert?

Melzer: Pornografie ändert unsere Skripte. Unser Wollen und unser Können. Das, was ich sehe, möchte ich irgendwann mal ausprobieren. Alles ist zu haben, man kann heute auch auf der Schwäbischen Alb sitzen und mit jemandem in Feuerland virtuell Sex haben. Es werden immer wieder neue Verführungsmomente kommen und neue Sextoys. Die, die heute top sind, belächeln wir in 20 Jahren. Früher hat man am Kiosk die Neue Revue gekauft, später dann den Playboy, Affären fanden analog bei der Firmenweihnachtsfeier statt, für Prostituierte musste man ins Rotlichtviertel gehen, für Masturbation reichten Gedanken an das Mädchen der Wahl oder ein Duschkopf. Heute braucht man nur noch das Internet.

ZEITmagazin ONLINE: Glauben Sie es heute jemandem eigentlich noch, wenn er behauptet, mit Pornos im Internet noch nie in seinem Leben in Berührung gekommen zu sein?

Melzer: Das ist mir zumindest seit Jahren nicht untergekommen. Wer angibt, keine Pornos zu schauen, macht das meist mit guten Gründen, die darauf schließen lassen, dass er es vorher eben doch getan hat. Diese Leute sagen, dass Porno Junkfood ist. Etwas, das nur zur kurzen Lustbefriedigung führt. Das sind die, die irgendwann erklären: Nein danke, ich bevorzuge Naturkost. Ich möchte wie ein Gourmet konsumieren. Ohne Geschmacksverstärker.

ZEITmagazin ONLINE: Kann man da eine Trennlinie zwischen den Generationen ziehen? Halten die, die mit dem Smartphone aufgewachsen sind, Pornos im Internet für selbstverständlich und erinnert sich die Generation der, sagen wir, über 50-Jährigen eher nur verschämt an alte DVDs, die irgendwo im Schrank liegen müssten?

Melzer: Man spricht gern von der Generation Porno, die mit dem Smartphone sozialisiert wurde. Aber das sind genau die, die sich im Netz gründlich informieren und es dann differenzierter sehen. Sie sagen: Nee, ich habe verstanden, was dann im Gehirn passiert. Das ist ein bisschen wie bei Alkohol, es hat ein Suchtpotenzial. Die 40- oder 50-Jährigen mögen analog sozialisiert sein, aber sie leben oft in Langzeitbeziehungen, in denen nichts mehr läuft. Sie konsumieren oft überproportional viel – gerade abends, wenn die Ehefrau schon zu Bett gegangen ist. Das sieht man auch an den Nutzerzahlen.

Beim "Tatort" guckt keiner

ZEITmagazin ONLINE: Ach. Was sind denn dann, umgekehrt gedacht, die schlechtesten Zeiten für Netzpornos oder Casual-Dating-Seiten?

Melzer: Weihnachten ist das Schlusslicht, ebenso in Deutschland dieTatort-Zeit, weil das gemeinsame Gucken immer noch ein Highlight des Familienlebens darzustellen scheint. Aber ab 22 Uhr geht es eben wieder hoch – wenn sie schon im Bett ist und er noch schnell Mails checken will. Montag ist auch so ein Spitzentag, auf Dating-Seiten wie bei der Nachfrage nach käuflichem Sex: Man hat das Wochenende mit der Familie halbwegs überstanden, jetzt können die Triebe wieder Auslauf bekommen. Viele sind aber schon so im Suchtmodus, dass es ihnen schwerfällt, das Wochenende zu überstehen.

ZEITmagazin ONLINE: Sie schreiben in Ihrem Buch Scharfstellung: Man merkt es daran, wie massiv sich die Toilettenzeiten verändert haben. Auf den Zusammenhang muss man erst mal kommen.

Melzer: Es gibt einen großen Unterschied, ob jemand mit oder ohne Smartphone auf die Toilette geht. Die Zeiten haben sich deutlich verlängert, man tauscht sich noch mal mit der aktuellen Affäre aus, streamt Filme. Geht ja nicht im heimischen Schlafzimmer. Einer meiner Klienten, ein Manager, hat sich schon morgens Pornos angesehen und dafür das Frühstück mit seinen Kindern ausfallen lassen. Der war jeden Tag anderthalb Stunden im Bad! Wenn man beruflich sehr unter Strom steht, ist das ein Ventil. Da das aber vor der Familie verborgen bleiben soll, geht es eben nur heimlich. Auf der Toilette.

ZEITmagazin ONLINE: Wie bringen Sie denn aber jemanden zur Umkehr, der sich an solche lückenlosen Verfügbarkeiten und an die ständige Reizüberflutung gewöhnt hat?

Melzer: Wir leben im Zeitalter der Verhaltenssüchte, viele davon befördert das Internet. Bei Männern ist es überwiegend der Bereich der Pornografie, bei Frauen ist es oft das Shopping. Zuerst muss man erkennen, dass überhaupt ein Problem besteht. Dabei hilft das Umfeld, denn der Süchtige ist ein Stück weit blind für sein Problem. Er nutzt, wie der Alkoholiker das Glas Wein, seine Sucht als Trost. Dabei ist sie das Problem.

Der Sexsüchtige argumentiert auch so: Alles schlimm, Beziehung läuft nicht, Job auch nicht, aber bei den Prostituierten komme ich wenigstens an. Oder: Wenn ich mir Pornos angucke, geht es mir so richtig gut.
Porno ist das Problem, nicht der Trost

ZEITmagazin ONLINE: Trotzdem ist es doch vermutlich ziemlich schwierig für solche Menschen, darauf zu verzichten und die Schönheit einer sanften Berührung neu zu entdecken?

Melzer: Ein Bildhauer nimmt etwas weg, so entsteht eine Skulptur. Auch in diesem Bereich muss man etwas weglassen, um wieder sensitiv zu werden. Diese Menschen mögen ja viel erleben. Aber sie haben keinen Hunger mehr. Sie brauchen eine Art Fastenzeit ohne Sex, um wieder die feinen Nuancen zu spüren. Das fühlt sich dann an wie mit links Zähneputzen, wenn man einen Partner einfach nur berührt. Es geht nicht darum, noch einen und noch einen Orgasmus zu haben, sondern darum, runterzufahren und Intimität aufzubauen. Ich vergleiche das immer gern mit der Ernährung: Wer von seinem Arzt vor Hypercholesterinämie und Diabetes gewarnt wird, geht in die Reduktion. Solche Kollateralschäden gibt es auch in der Sexualität. Und das bleibt nicht nur seelisch, sondern zeigt sich in ganz handfesten Potenzstörungen.

ZEITmagazin ONLINE: Auf der anderen Seite hat diese sexuelle Revolution doch auch ihre positiven Seiten. Ist es für Frauen nicht von Vorteil, die eigene Sexualität völlig autark entdecken zu können, etwa anhand der ganzen neuen Sextoys?

Melzer: Frauen lernen über die starken Reize, mit ihrem Körper umzugehen. Ist alles nett, solange man das nicht im Übermaß betreibt. Dann ist man nicht mehr rezeptiv in der Partnerschaft. Denn bei Toys wie bei Pornos fehlt etwas ganz Wesentliches: der Bindungsaspekt. Es geht nicht nur darum, sich um seinen hedonistischen Bauchnabel zu drehen. Sondern darum, dass man in Bindung geht. Bindung gibt Bedeutung. Wir sind soziale Wesen, unsere Lebensqualität hängt ganz eng mit einer Bindungsqualität zusammen. Und die Frage ist doch auch: Wenn der Mann Pornos schauen muss und die Frau Sextoys braucht, ist gemeinsamer Sex dann nicht nur noch erweiterte Masturbation mit Partner?

ZEITmagazin ONLINE: Sie schreiben, dass schon 30 Prozent der Pornogucker Frauen sind, gerade sie scheinen ja momentan viele sexuelle Möglichkeiten außerhalb der Penetration zu entdecken. Macht das Männern gerade besonders viel Angst, dass sie sie für den großartigen Orgasmus gar nicht mehr gebraucht werden?

Melzer: Je kleiner das Selbstwertgefühl, desto größer die Angst. Das Internet ist voll von Bildern, in denen der starke Mann nur die Hose aufmachen muss, und die Frau schmilzt in multiplen Orgasmen dahin. Und hat auch noch eine weibliche Ejakulation. Das kann unendlich anstrengend sein. Manche Männer sehen den Einsatz eines Vibrators deshalb pragmatisch: Die Frau kommt heftiger und es dauert nicht ewig. Der Penis ist eben nicht die größte Erfindung aller Zeiten. Wenn Männer das nicht persönlich nehmen, kann man sich um kreative Lösungen bemühen. Und die Möglichkeiten nutzen, die zur Verfügung stehen.

ZEITmagazin ONLINE: Wie bringt man diese Themen und neueren Erkenntnisse eigentlich Kindern bei? Eine Sexualerziehung muss sich ja an der Gegenwart orientieren.

Melzer: Meistens bekommen die Kinder beim Übergang von der Grundschule zur Sekundarstufe I ein Smartphone. Dann ist es zu spät. Die Aufklärung darüber, was Sex heute bedeutet, muss vor der Pubertät stattfinden. Dann können Eltern sie noch erreichen. Ein bisschen ist es wie mit Alkohol: Dass die Kinder ihn ausprobieren, kann man nicht verhindern. Aber man kann ihnen sagen: Passt auf, Alkohol macht abhängig. Vielleicht brauchen sie dann zusätzlich noch so einen Aufwachmoment, in dem man sich übergeben muss und das Wochenende über im Bett bleiben muss.

Und vielleicht brauchen sie irgendwann auch mal so ein durchmasturbiertes Wochenende, an dem sie sich Pornos reinziehen. Wichtig ist, dass sie dann bereits wissen: Passt auf, solche Exzesse verändern auf Dauer die Art, wie ihr Beziehungen führt.

Ist ein Chat schon ein Betrug?
ZEITmagazin ONLINE: Muss man den Treubegriff anders verhandeln heutzutage? Ist virtueller Sex beispielsweise Betrug oder ein Zusatz-Amüsement?

Melzer: Ja, logisch. Die Treuedefinition, die vor 20 Jahren galt, gilt heute nicht mehr: Ist es Treue, wenn ich meinen neuen Partner im Internet gefunden habe und die Dating-App erst mal stilllege? Oder muss ich mein Profil gleich ganz löschen? Ist schon ein Chat ein Akt des Hintergehens?

Ich habe einen Klienten, der einen Mailwechsel seiner Frau mit einem anderen Mann gefunden hat und ihn ausgedruckt hat, 2.400 Seiten. Der Andere lebt in einem anderen Land, und nun vergleicht dieser Mann das mit seinem Leben. Er sieht: Wir waren auf den Malediven, und meine Frau hat was in dieser Zeit an ihn geschickt? Sie hat mit diesem Mann nicht geschlafen, er ist ein Brieffreund aus der Schulzeit, aber das zieht Ihnen doch trotzdem den Boden unter den Füßen weg. Alles, was Sie für die Realität gehalten haben, ist damit zunächst einmal infrage gestellt.

ZEITmagazin ONLINE: Kann man dem Partner treu bleiben, wenn man mit anderen schläft?

Melzer: Wenn die beiden das so verhandelt haben. Das ist nicht komfortabel, hilft aber unter Umständen, damit wieder Spannung in die Beziehung kommt. Die Treue verändert sich aktuell von einem Wir zum Ich. Es gibt immer mehr Menschen, die sagen: Ich muss mir selbst treu bleiben.
Es gibt aktive und passive Lügen: Wenn ein Mann von seiner Frau gefragt wird, ob er schon einmal bei einer Prostituierten war und das bestreitet, hat er aktiv gelogen. Das wird schlimmer gewertet als passive Lügen, wenn man aber gar nicht erst darüber spricht, und wesentliche Dinge verschweigt.

Paare experimentieren mehr als früher, mit offenen Grenzen, Polyamorie, einem Hausfreund, dem Besuch von Swingerpartys. Man muss sich in diesen Graustufen zwischen Monogamie und Sodom und Gomorrha irgendwo positionieren.


© Annette Hauschild/Ostkreuz
HEIKE MELZER
Die Neurologin und Psychotherapeutin führt in München eine privatärztliche Praxis für Paar- und Sexualtherapie. Sie hat im Tropen Verlag das SachbuchScharfstellung. Die neue sexuelle Revolution veröffentlicht und will online die Bewegung Reboot-Me für sex- und pornosüchtige Menschen initiieren.
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